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Suchtfrei – die Jägergeschichte

Der niederländische Autor Jan Geurtz hat ein sehr gutes und provokantes Buch über Süchte geschrieben. Es heisst „Suchtfrei. Die Illusion durchschauen.“ Es kostet nicht viel und der Kauf lohnt sich!

Darin gibt er ein Beispiel dafür, wie wir ein Leben lang leiden können durch ein uns in der Vergangenheit zu Unrecht zugefügtes Selbstbild. Leiden, z. B. indem wir an einer Sucht erkranken. Ich möchte zunächst einmal aus seinem Buch zitieren und Ihnen danach einige Gedanken dazu mitgeben:

„Ein Jäger läuft mit seinem Gewehr unter dem Arm durch den Wald auf der Suche nach Wild. Er sieht Bewegung zwischen den Sträuchern, legt an und schiesst. Es ist noch etwas Geraschel zu hören, dann ist es still. Er kommt zu der Stelle und sieht dann zu seinem Entsetzen dort ein blutendes Kind liegen, tot.

Er heult vor Schreck, Bedauern und Schuld. Der Schmerz ist größer als er ertragen kann, und er gerät in Panik. Das ist nicht passiert, das darf nicht passiert sein! Wie in einem Rausch gräbt er ein Loch, vergräbt das Kind und verwischt alle Spuren. Danach wird er etwas ruhiger.

Er geht nach Hause, und es gelingt ihm immer besser, das Geschehene zu verdrängen. Natürlich fühlt er sich schuldig, als er in der Zeitung die Berichte über ein vermisstes Kind liest. Er zieht in eine andere Stadt und geht nie wieder auf die Jagd.

Er wird schüchtern in der Anwesenheit kleiner Kinder, obwohl er niemals unfreundlich zu ihnen ist. Er bekommt in seiner neuen Umgebung bald das Image eines schroffen und weltfremden Mannes. Bei jedem freundschaftlichen Kontakt hat er das Gefühl von Distanz und Unehrlichkeit und geht diesen Kontakten mehr und mehr aus dem Weg.

Er wird immer einsamer. An das dramatische Erlebnis in der Vergangenheit denkt er fast nie, aber die Art und Weise, wie er lebt, wie er mit anderen Menschen und sich selbst umgeht, kurz: fast alles, was er jetzt ist, basiert auf diesem dramatischen Ereignis oder genauer: auf seinem Glauben, dass er schlecht und schuldig ist.

Was würde wohl mit diesem Menschen geschehen, wenn er eines Tages hören würde, dass nicht lange nach seinem Wegzug der Autofahrer gefasst wurde, der das Kind angefahren hat, wodurch es in den Sträuchern neben der Strasse landete und dort starb?

Was würde passieren, wenn er erfahren würde, dass überhaupt nichts Falsches in ihm ist, dass alles auf einem Irrtum beruht? Seine ganze Identität, sein Selbstbild und Image sind auf diesem negativen Glauben von Schuld und Schlechtigkeit aufgebaut. Seine ganze Lebensweise ist eine automatische Reaktion auf diesen Glauben und ein selbstverständlicher Versuch, diesen Schmerz nicht mehr zu spüren. Doch was für Schmerzen, was für eine Einsamkeit hat ihm dieser Mechanismus eingebracht.“

Dies ist ein Gleichnis. Ähnlich wird es nämlich Ihnen ergangen sein. Zumindest vielen Süchtigen. Sie haben als Kind nicht die ganze Wahrheit sehen können. Ihre geliebte und verehrte Mama oder der Papa waren plötzlich böse mit Ihnen und haben Sie nicht mehr geliebt. Also müssen Sie einen schrecklichen Fehler gemacht haben. Sie sind falsch, ein ganz schlechter Mensch.

Aber Sie nehmen sich vor, diese Fehler nicht noch einmal zu machen. Ab jetzt weinen Sie nicht mehr, schlucken allen Ärger besser hinunter, spielen eine Rolle, verdrängen, dass Sie böse sind. Sind dafür vielleicht zum Ausgleich gut in der Schule oder im Sportverein, merken aber trotzdem, dass Ihnen etwas fehlt, dass da eine große Leere in Ihnen ist, und fühlen sich weiterhin irgendwie falsch, schlecht und schuldig.

Und um diese Gefühle zu betäuben, flüchten Sie sich später im Leben in Fernsehen, in Arbeit, in Alkohol, ins Zocken, ins Essen oder was auch immer Ihre Droge ist.

Was für ein tragischer Irrtum, nicht wahr?!! In Wirklichkeit waren Sie klein und unschuldig, die anderen haben Sie nicht so im Leben willkommen geheissen, wie Sie es als kleines, zerbrechliches Wesen verdient hätten. Und all dies wussten Sie bis heute nicht einmal. Jahrelanges Kopfzerbrechen, was mit Ihnen nicht stimmt. Selbstbestrafung, Selbsthass, innere Einsamkeit. Dann später immer wieder Ihre Droge Trinken, Spielen, Porno, Essen etc., um dann in neuen Schuld- und Schamgefühlen zu versinken.

Nehmen Sie sich jetzt einmal eine Viertelstunde Zeit und denken Sie darüber nach, ob dieses Beispiel nicht auch auf Sie zutrifft! Auf Erfahrungen, die Sie in der Kindheit, Jugend oder im Erwachsenenleben gesammelt haben. Bei ganz vielen Menschen mit Suchtproblemen trifft nämlich genau das zu. Und wenn das auch auf Sie zutreffen sollte, was folgt daraus für Ihr weiteres Leben?

Sie wurden in Ihrer Kindheit zurückgestossen. Daraufhin haben Sie sich gedacht: ich bin es schuld, ich bin nichts wert. Vor diesem Gefühl sind Sie seitdem davongelaufen und haben versucht, es zu verdecken und zu betäuben. Es ist nicht dumm, sich so zu verhalten und sich selbst nicht zu mögen, das ist vielmehr menschlich und steckt in allen von uns drin. Aber es ist nicht wahr!

Wären Sie wirklich schlecht, würden Sie sich nicht schuldig fühlen. Wären Sie wirklich zum Alleinsein geboren, könnten Sie sich nicht einsam fühlen. Wären Sie wirklich nichts wert, hätten Sie gar nicht den Willen, von der Sucht wegzukommen. Erkennen Sie diesen großen Irrtum, diese große Lüge, auf der Ihr Leben aufgebaut ist! Und dann lassen Sie davon los!

Erlauben Sie nicht mehr, dass diese Lüge Ihr Leben bestimmt. Kehren Sie zurück, und seien Sie wieder das positive, begeisterte, lebensbejahende und unschuldige Kind. Sie dürfen sich schlecht, dumm, schwach etc. fühlen, kämpfen Sie nicht gegen die Gedanken an, denn sie sind menschlich. Aber machen Sie sich jedesmal klar, warum Sie diese Gedanken haben und dass sie nicht wahr sind.

Natürlich machen Sie Fehler, so wie jeder andere Mensch auch, aber Sie sind kein schlechter Mensch – das ist ein großer Unterschied. All die unglaubliche Energie, die Sie in die Sucht gesteckt haben, ist in Wirklichkeit die Energie, die Sie in den Kampf gegen Ihr schlechtes Selbstbild investiert haben! Wenn Sie diesen Kampf aufgeben, hört auch die Sucht auf, weil ihr die Energie fehlt.

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